Als ich verschwinden wollte | Diskussion, Magersucht und Rezension

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Hallo Sarah,

…Ich habe mich nun einfach mutig dazu entschlossen, dir auch mein Buch zuzusenden. Vielleicht, so hoffe ich, magst du es lesen und rezensieren. Es handelt sich dabei um die schwierigste Zeit in meinem Leben, die Gott sei Dank ein gutes Ende finden durfte: Ich war magersüchtig… Mein Ziel mit dem Buch ist das Abschrecken, Ermutigen und das Aufmerksam machen, auf eine Krankheit, von der eine hohe Dunkelziffer betroffen ist.

Liebe Grüße, Carina

Und ob ich das möchte! Es ist mir eine Ehre und auch eine besondere Herzensangelegenheit euch heute, gemeinsam mit Carina, nicht nur ihr Buch vorzustellen, sondern auch … „das Abschrecken, Ermutigen und das Aufmerksam machen, auf eine Krankheit, von der eine hohe Dunkelziffer betroffen ist.“

ALS-ICH-VERSCHWINDEN-WOLLTE-Bildseite-01 (2)„Ich bin spindeldürr, alle Knochen stechen durch die Haut. Meine Augen

wirken noch größer, da sie tief in die Höhlen gesunken sind. Im Spiegel sehe

ich aus, wie ein erschrockenes Skelett. Aber ich hungere weiter.“

 

Als Carina mich fragte, ob ich ihr Buch lesen möchte, habe ich zunächst erst einmal etwas „abgeschreckt“ reagiert. Ich hatte einfach kaum eine Ahnung über diese Krankheit, wusste nicht, wie ich damit umgehen soll…

Sarah:

…Jedoch schwingt für mich bei autobiografischen Büchern immer ein gewisses Risiko mit – gerade wenn ich die Bücher vom Autoren persönlich bekomme und die Geschichten schwer und dramatisch sind. Ich muss mir immer im Klaren darüber sein, dass ich Bücher bewerte und keine Menschen, beziehungsweise deren Leben. Das ist teilweise gar nicht so einfach und auch für viele – gerade unerfahrenere Autoren – ziemlich schwer zu verdauen. Somit ist es mir wichtig, dass du dies vorher weißt: Egal wie ich das Buch bewerten werde, das ist auf gar keinen Fall meine Sicht zu deinem persönlichen Schicksal. Ich hoffe, du kannst das verstehen. 

 Trotz dieser Warnungen gaben Carina und ich nicht auf. Ich las das Buch und wir beschlossen, dass wir zusammen darüber schreiben möchten…Und zwar sowohl subjektiv, als auch objektiv über das Buch.

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Magersucht (Anorexia nervosa), ist eine psychosomatische Erkrankung. Es ist eine körperliche- und psychische Wechselwirkung, die darauf beruht, dass sich der Betroffene zu dick fühlt, den zwanghaften Drang verspürt abzunehmen, bzw. ein sehr geringes Gewicht zu halten. Besonders betroffen sind wohl junge Frauen von 12-25 Jahren.

Bulimie (Ess- Brech Sucht), ist eine eigenständige Krankheit, welche besonders gefährlich ist, da sie nur selten m Frühstadium erkannt wird. Es geht dabei um (Fr)Ess- Anfälle – die Betroffenen verspüren kein Sättigungsgefühl. Nach dem Essen werden Brechreize erzeugt, um das Essen wieder loszuwerden.

 Carina und ich schrieben also viele Mails hin- und her, sprachen über ihren „Fall“ und die Krankheit im Allgemeinen…

Sarah:

viele Teenager – auch gerade Leute in meinem Alter vergleichen sich viel zu oft mit anderen und gelangen dann in solche Teufelskreise. Sei es Magersucht, Bulimie, Depressionen, …

Carina:

Bei einigen, besonders jüngeren Personen ist meistens der Druck der Medien ein großes Problem. Sie sehen beispielweise in irgendwelchen Modelsendungen extrem dünne Mädchen, die als „zu mollig, füllig etc“ beschrieben werden. Dann beginnt der Vergleich mit der eigenen Statur. 

Sarah:

…jedoch merke ich auch gerade in meinem Umfeld, dass viele sehr, sehr junge Menschen – ich denke gerade Mädchen, die vielleicht 12 oder 13 Jahre alt sind- solche Krankheiten immer mehr „ausnutzen“. Es wird oftmals zur Modeerscheinung, sich zu ritzen oder besonders dünn zu sein. Leute, die wirklich Hilfe benötige,n werden oft einfach nur abgetan, nach dem Motto: „Der kriegt sich schon wieder ein“

Carina:

…Was mich besonders schockiert ist die Tatsache, dass es Menschen gibt, die richtig motiviert sind magersüchtig zu sein. Sie suchen nach irgendwelchen ProAna-Seiten im Internet und bestreben es, krankhaft dünn zu werden. Dass man am Ende vor den Scherben seines Lebens steht, ist ihnen vielleicht nicht wirklich bewusst.

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Ein bisschen was zu Carina: Geboren 1995, wuchs sie in der Nähe von Traunstein auf. 2012 machte sie ihren Realschulabschluss und bekam dann das Staatsexamen für Physiotherapie. Sie ist ein humorvoller, aufgeschlossener Mensch, der gutes Essen, Kaffee und Tiere liebt.

 

Meine ersten Anzeichen einer Essstörung zeigten sich sehr früh. Ich war etwa 12 Jahre alt (und damals sehr dünn), als ich mich plötzlich anfing zu dick zu fühlen. Mit 14 begannen meine ersten Diäten. In all den Jahren bis zu meinem 21.Lebensjahr ist ein immer schlimmer werdender Teufelskreis mit Gewichtsschwankungen, Hungerphasen, Essattacken und Bulimie entstanden. Bis dann irgendwann der Punkt kam, an dem ich das Thema Essen so satthatte, dass ich einfach gar nichts mehr zu mir genommen habe. 

 

In ihrem Buch beschreibt Carina ihre Zeit vor, während und nach der Magersucht. Offen spricht sie über ihre Ängste, Depressionen aber auch die schönen Momente.  Das Buch liest sich sehr flüssig und es ist einfach, Carina bei ihren Erzählungen zu folgen. Der Inhalt ist stark und gibt zu jeder Zeit des Buches Hoffnung und vermittelt: Es lohnt sich, stark zu sein. Doch genauso schreckt er ab und warnt den Leser vor diesem Teufelskreis.

 

Sarah:

…Vielleicht kannst du das bestätigen: Ich glaube, man selber sieht nicht, wie dünn man ist, oder? Ich könnte mir vorstellen, dass, wenn man darauf angesprochen wird es gar nicht bemerkt beziehungsweise wahrhaben will.

Carina:

…Ich habe es anfänglich nicht gemerkt, dass ich WIRKLICH krank aussah. Ganz am Ende schon, aber da war es fast schon zu spät um etwas dagegen zu unternehmen.

Ich würde unehrlich sein, wenn ich am Buch an sich nicht auch ein bisschen kritisieren würde. Oftmals geht es zu sehr um das Drumherum. Die eigentliche Krankheit wird nur sehr wenig beleuchtet. Der Kern wurde selten wirklich thematisiert.

Vielleicht waren 157 Seiten dafür etwas zu wenig, um es sehr detailliert zu beschreiben. Es gab eine plötzliche Wandlung, von da an ging es Bergauf – irgendwie vielleicht auch zu optimistisch in diesem Punkt. Es wurde mir zu wenig auf den Wendepunkt hingearbeitet, er wurde schon gefühlt 40 Seiten vorher angekündigt und der Spannungsbogen, der einen Roman – wenn auch autobiographischen – ja ausmacht, hat gefehlt. Ein bisschen mehr mit dem Leser spielen, ein paar mehr „Auf und Ab´s“, ein bisschen mehr Bewegung – das hätte gutgetan. Vielleicht auch die dramatischen Szenen etwas ausschmücken – womit ich nicht meine, dass man auf die Tränendrüse drücken muss. Einfach nur darauf hinarbeiten.

Carina:

Ich schreibe ja an sich schon gerne, Früher zumindest. Allerdings waren das erfundene Geschichten. Bei dem Buch war es schwierig, es so zu machen, wie ich es damals gewohnt war. Was wohl auch kompliziert sein mag, ist die Tatsache, dass es diesmal natürlich nicht wirklich Spaß gemacht hat, sondern mehr ein Kampf war…. der aber sehr positiv für meine weitere Entwicklung war. 🙂

 

Sehr positiv waren allerdings die originalen, emotionalen Tagebucheinträge. Sie haben die damalige Carina erklärt, man konnte sie dadurch gut verstehen. Auch die Message des Buches, dass ihr Glaube an Gott sie letztendlich herausgezogen hat, hat mir gefallen. Nur glaube ich, dass es vielleicht etwas zu naiv dargestellt ist. Für Personen in ähnlichen Situationen könnte es schnell wirken wie: „ Glaube an Gott und er rettet dich.“ Ganz so einfach ist es dann doch nicht, da hätte ich mir vielleicht noch ein paar mehr Motivationen gewünscht, warum sie jetzt unbedingt etwas ändern möchte. Vielleicht auch einfach ein paar mehr Fakten.

Diese wurden übrigens zum Ende nochmal aufgelistet. An sich eine wirklich gute Idee, jedoch hätte ich es mir eher IM Text gewünscht. Den ein oder anderen schockierenden oder einfach interessanten Fakt, der ihre Worte untermauert.


…Ansonsten fand ich das Buch aber echt gelungen, einige Passagen waren wirklich stark und ich glaube das Manchen wirklichen Mut macht. Deine Geschichte fand ich insofern nochmal neu, und es war mir nicht so bekannt, dass man von einem Gegenteil ins nächste rutschen kann. Von Bulimie und „Tod(f)ressen“ ins Gegenteil und zur Magersucht. Und alles nur wegen – ja, warum eigentlich? 

Sarah:

 Was glaubst du: Wäre es jetzt leichter nochmal rückfällig zu werden, oder ist es einfach da „hineinzurutschen“, wenn man es noch nicht erlebt hat?

 …solche Erfahrungen auch extrem prägen, oder? Nahtoderlebnisse und so etwas geben nochmal ein größeres Bewusstsein fürs Leben, oder? Würdest du es im Nachhinein alles Rückgängig machen wollen, oder nimmst du daraus viel mit und sagst, dass es dich stärker gemacht hat?

ruler-1899024__340 (1)Carina:

Für mich war das wie eine Neugeburt. Man ist vollkommen überfordert: Du darfst plötzlich wieder essen. Das bedeutet: Du nimmst Dinge um dich herum wahr, bist und FÜHLST dich lebendig. Man spürt Freude, Traurigkeit und Zuneigung – etwas, das in der Erkrankung selbst verloren geht. Du nimmst Farben, Gerüche und Klänge viel intensiver wahr. Daher ist dein Vergleich mit einer Nahtoderfahrung sehr gut ausgewählt. Für mich gab es tausend erste Male. Das erste Mal wieder mit Freunden ausgehen, das erste Mal wieder schwimmen gehen (war wegen des hohen Kältempfindens nicht mehr möglich), Essen, auch Süßigkeiten  wieder genießen lernen… Sogar meine Haustiere habe ich plötzlich anders erlebt. Ich hatte Freude an und mit ihnen. Für Tierliebe blieb kein Platz in mir während der Krankheitszeit. Ich habe mich dann, bepackt mit viel Motivation und neuer Lebensfreude zusammen mit meiner Familie und meinem Glauben wieder an das Thema „Ernährung“ ran getraut. Ich habe ausprobiert, vieles gelernt und auch mit mir gehadert. Mein Fazit: Ich denke heute könnte ich keinen Rückfall mehr erleiden.

 

Sarah:

Nicht mal das Model in der Zeitschrift sieht aus, wie das Model in der Zeitschrift.

 

Carina:

Ich bin viel entspannter als noch zu Beginn der Genesung. Ich esse auch hin und wieder ganz gerne Schokolade etc. Diese Lebensmittel machen mir keine Angst mehr. Ich giere nur nicht mehr danach. Und vermutlich hat mir die Bulimie auch ein bisschen die enorme Lust darauf verdorben. Mit meiner Erfahrung, dass mich essen alleine nie glücklich machen kann, genauso wenig wie das NICHT essen bleibt der Gedanke:

 Ich esse Nahrung um zu leben, aber lebe nicht für das Essen. 

 

Sarah

Allgemein kann man sagen, dass du schon extrem früh mit dem Ganzen angefangen hast, meinst du das ist bei jüngeren Mädchen, also mit 11/12/13 „normaler“ als bei Älteren?

Carina:

 Ich denke jüngere Mädchen sind „leichtere Opfer“ einer Magersucht. Sie lassen sich leichter beeinflussen und haben oftmals nicht das Selbstvertrauen, um mit Gemeinheiten oder Verletzungen umzugehen… Gerade heute, in einer von den Medien regierten Zeit können sie sich nur schlecht NICHT mit dem Thema „abnehmen“ auseinandersetzen.weight-loss-494284__340.png

 

Sarah:

Wiegst du dich noch regelmäßig oder spielt so etwas in deinem Leben keine Rolle mehr?

 

Carina:

Ich wiege mich – aber nicht täglich. Ich weiß somit, wie viel ich wiege. Ich möchte keine Angst vor der Waage haben, gleichzeitig soll sie mich nicht negativ beeinflussen. Die Zahl an sich ist mir so gut wie egal. Aber natürlich möchte ich auch nie wieder in eine Gegenrichtung einschlagen und mich komplett gehen lassen 🙂 hoffe das klingt jetzt so wie ich es meine ^^ 

Sarah:

Meistens trifft es doch junge Frauen, oder? Kennst du auch Männer, die magersüchtig waren oder es sind? Ich finde, es wird uns oft das Bild aufgedrängt, dass vor allem Frauen dünn sein müssen um zu gefallen, bei Männern ist das egal, oder?! 

 

Carina:

Ich habe nun schon oft davon gehört, dass auch ein Mann Probleme mit einer Essstörung hat. Allerdings ist das oftmals noch komplizierter, als bei Mädchen. Ihr Ehrgeiz ist, so empfinde ich es, oftmals noch aggressiver. Zum Hungern kommt dann exzessiver Sport, Selbsthass im deutlich höherem Maße, wie mir scheint und extremere Maßnahmen zur Gewichtsabnahme. Ein Thema, das viel zu wenig beachtet wird: Männer und Magersucht. Genau wie: Übergewichtige und Magersucht. 

An dieser Stelle bleibt mir nur Carina für ihre offenen und ehrlichen Antworten zu danken. Sämtliche Fragen sind aus unserem wirklich langen Mail- Verkehr herausgenommen, da dies viel persönlicher wirkt.

Wenn ihr das Buch kaufen möchtet, schaut gerne noch vorbei:

Instagram: carina_inca
Facebookseite: Als ich verschwinden wollte
Facebook-privat: Carina Lechner
*die Bilder sind von Carina und Pixabay
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3 Gedanken zu “Als ich verschwinden wollte | Diskussion, Magersucht und Rezension

  1. Liebe Sarah, liebe Carina,

    habt vielen Dank für euren Beitrag, dir liebe Sarah, für deine Rezension und dir liebe Carina, für deinen Mut mit deinem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen. Und euch beiden für euren Dialog! Klasse!!!

    Ich bin trocken lebende Alkoholerin und es hat lange gedauert, bis ich in der Lage war, das so in der Öffentlichkeit und ohne Schamgefühl zu sagen und zu schreiben.
    In meiner Jugend und in Jahren als „Jungeerwachsene“ habe ich mich auch ständig mit Anderen verglichen und fand mich nie gut genug, vor allem fand ich mich nicht schön. Warum das so war, kann ich nicht erklären. Auch nicht, warum ich in die Alkohlsucht rutschte und ohne Hilfe nicht mehr rausgekommen bin. Ich habe mich wegen meines Trinkens geschämt und wusste nicht, wie ich es anstellen sollte, nicht unbedingt garnicht mehr, aber wenigstens „normal“ zu trinken. Damals wusste ich noch nichts von Alkholsucht und schon gar nicht, dass es eine Krankheit ist. Und dann geschah für mich ein Wunder: Es machte „Klick“ in meinem Kopf und mir wurde klar, dass ich etwas ändern musste, wenn ich nicht sterben oder in der „Gosse“ enden wollte. Von da an ging es ganz, ganz langsam und mit vielen Tiefen und schönen Höhen Stück für Stück für mich bergauf. Ich schaffte es mit Hilfe einer Alkoholentwöhnungsbehandlung und danach und vor allem mit meiner Selbstshilfegruppe in Gestalt des Kreuzbundes. Diesen Menschen dort habe ich viel zu verdanken, mit ihrer Hilfe wurde ich stark für mich. Ich habe dort auch Menschen getroffen, die sagten, dass sie durch den Glauben an Gott oder auch durch den Glauben an eine höhere Macht trocken geworden sind. Und ich zweifel nicht daran.

    Heute sage ich, ja, es hat sich für mich gelohnt. Ich stehe zu mir, vergleiche mich fast nie mit Anderen und es ist mir auch ziemlich egal, was Andere von mir denken. Und das ist wahrlich nicht so gekommen, weil ich so „stark“ war. Das ist für mich nur ein Teil der Wahrheit. Für mich gibt es da noch ganz viele Teile. Ein Teil ist, wie schon geschrieben, meine Selbsthilfegruppe, ein weiterer Teil ist meine Glaube, dass Gott in wichtigen Fragen meines Lebens für mich da war. Und ein Teil, der für mich immer wichtiger wird, ist meine Familie, meine Wahlfamilie und ein, zwei engen Freunde. Und das alles sind nur die wichtigsten Teile für mich.

    So, ich glaube, das reicht jetzt, sonst wird es auch noch ein Buch.
    Auf jeden Fall werde ich das Buch von Carina lesen.
    Also nochmals: Vielen Dank!

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